Angesichts der Angriffe der extremen Rechten behauptet sich die Buchwelt im Widerstand
Stella Magliani-Belkacem und Jean Morisot
An dieser Stelle veröffentlichen wir einen Kommentar unserer Kolleg*innen und Genoss*innen Stella Magliani-Belkacem und Jean Morisot vom Pariser Verlag La fabrique. In ihrem Artikel zur Dominanz der extremen Rechten im öffentlichen Raum, der am 2. Dezember 2025 in Le Monde erschienen ist, weisen die Verlagsleiter*innen auf die Bedeutung unabhängiger Verlage hin und äußern ihre Besorgnis über „das Klima der Hexenjagd, das sich auf allen Ebenen der französischen Gesellschaft breitmacht“. Die Übersetzung ihres Textes ins Deutsche und Englische soll Parallelen zu den hiesigen Verhältnissen sichtbar machen und als Geste der Solidarität verstanden werden.
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Es gibt mehrere Möglichkeiten für die Rechte und die extreme Rechte – die sich Tag für Tag immer weniger voneinander unterscheiden – gegen die Welt der Bücher vorzugehen, die sie von Natur aus fürchten. Sie können beispielsweise Verlage für Millionenbeträge aufkaufen, um sie zu Sprachrohren ihrer Ideologien zu machen, oder gegen diejenigen vorgehen, die sich ihnen widersetzen, indem sie ihre Angriffe und Verleumdungskampagnen verstärken. Unabhängig davon, ob man Opfer der einen oder der anderen Strategie ist, muss man sich vor Augen halten, dass sie sich ergänzen und in gewisser Weise sogar perfekt aufeinander abgestimmt sind.
Das Anprangern der von der israelischen Armee in Gaza begangenen Verbrechen bot diesen Verleumdungskampagnen neuen Nährboden, als Publikationen und Persönlichkeiten aus dem rechtsextremen Spektrum plötzlich eine Berufung im Kampf gegen Antisemitismus entdeckten – ohne Rücksicht auf die Betroffenen. Nun stürzen sie sich in eifrige Exegese, mit Pressekampagnen, die nun Bücher, ihre Verleger*innen und Autor*innen ins Visier nehmen und eine öffentliche Verurteilung fordern. Unser Verlag hat, wie andere auch, regelmäßig unter verschiedenen Vorwänden darunter gelitten. Vor nicht allzu langer Zeit war es „Klimaterrorismus“, heute ist es „historischer Revisionismus“.
Ein Buch hat jedoch einen dauerhaften Charakter: Man kann seine Seiten nicht einfach löschen wie einen Tweet. Das Geschriebene unterliegt Gesetzen, und Justizbehörden sorgen für deren Einhaltung. Jede*r kann dank des öffentlichen Bibliotheksdienstes den Inhalt frei einsehen. Und es ist nach wie vor möglich, durch eine rigorose öffentliche Debatte die unterschiedlichen Standpunkte, die darin zum Ausdruck kommen, miteinander zu konfrontieren. Es gibt also verschiedene Möglichkeiten, um zu überprüfen, ob diese Kampagnen unwahr sind. Für diejenigen, die dahinter stehen, spielt das keine Rolle, denn das Ziel des Manövers liegt woanders: jede Äußerung der Solidarität mit dem palästinensischen Volk unerbittlich zum Schweigen zu bringen, subversive Stimmen an den Pranger zu stellen, den klimatischen Status quo zu schützen und jede Perspektive auf sozialen Wandel zu verhindern.
Am alarmierendsten an dieser Angelegenheit ist jedoch die keineswegs zufällige Verbindung zwischen Trump-artigen Äußerungen – „Antirassisten sind Rassisten“, „Klimaaktivisten sind Terroristen“ usw. –, und die Zunahme von Angriffen auf Buchhandlungen sowie die verschärfte Repression der Behörden gegenüber kritischen Büchern und Gedanken. Allein in den letzten Wochen wurden mehrere Dutzend Buchhandlungen angegriffen, ihre Schaufenster zerstört und ihre Abendveranstaltungen von Personen oder Gruppen gestört, die sich berechtigt fühlen, Bücher mit Gewalt zu zensieren, obwohl die zuständigen Behörden nichts daran auszusetzen hatten. Am 9. November wurde ein wissenschaftliches Kolloquium über Palästina vom Collège de France abgesagt – etwas, das seit dem Zweiten Kaiserreich nicht mehr vorgekommen ist. Abgeordnete des Pariser Stadtrats erreichten die Streichung einer Subvention für 40 unabhängige Buchhandlungen. Wir haben gesehen, wie Elena Mistrello, eine italienische Zeichnerin, am 21. November am Flughafen von Toulouse zurückgewiesen und daran gehindert wurde, am Comic-Festival Colomiers teilzunehmen, unter dem Vorwand, dass ihr Kommen aufgrund ihrer antifaschistischen Positionen eine „Bedrohung für die öffentliche Ordnung“ darstellen würde. Es gibt also viele Gründe zur Sorge – und mindestens einen Anlass zur Zufriedenheit. In dem Klima der Hexenjagd, das sich auf allen Ebenen der französischen Gesellschaft breitmacht, behauptet das Buch seinen Platz im Widerstand.
Dies verdankt es den unabhängigen Verlagen, die für redaktionelle Vielfalt und die Verbreitung der Ansichten von Minderheiten sorgen; es verdankt dies den Buchhändler*innen, die dem Druck der vermummten Zensoren nicht nachgeben und trotz aller Widrigkeiten einen unverzichtbaren Raum für Diskussionen bieten; und es wird dies auch weiterhin tun, dank der aktiven Solidarität aller seiner Akteure und Akteurinnen, wenn einer oder eine vom Staat oder von faschistischen Gruppierungen schikaniert wird. Ist nicht übrigens genau das eine Lehre aus dem historischen Antifaschismus? Den Kopf niemals senken.
Stella Magliani-Belkacem und Jean Morisot sind Verlagsleiter*innen des 1998 von Éric Hazan gegründeten Verlags La fabrique éditions. Ein lesenswertes Portrait des Verlags ist 2018 anlässlich seines 20-jährigen Bestehens erschienen: Twenty years of La Fabrique.
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Übrigens, Dagmar Herzogs Der neue faschistische Körper / The New Fascist Body wird weiterhin stark in der deutschen und englischen Presse rezipiert: Im Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur, im Interview mit Lisa Schmidt-Herzog New Books in Critical Theory und Raúl Krauthausens Podcast Im Aufzug. Last but not least haben Junge Welt and WOZ über das Buch berichtet.