Die mythologische Maschine sabotieren
Ein Gespräch mit Alberto Toscano über seine demnächst erscheinende Übersetzung von Furio Jesis The Blood Libel
Im November dieses Jahres erscheint bei Wirklichkeit Books die englische Erstübersetzung von Furio Jesis Essay The Blood Libel. The Trial against the Jews of Damascus; Metamorphosis of the Vampire in Germany aus dem Jahr 1973. Der Text ist übersetzt und eingeleitet von Alberto Toscano. Einigen Leser*innen dürfte Jesis Arbeit zum Verhältnis von Mythos und rechter Kultur bekannt sein, da Toscano sich unter anderem in seinem 2025 auf Deutsch erschienenen Buch Spätfaschismus auf ihn bezieht. In seiner kurzen und intensiven Schaffensphase entwickelte Jesi eine höchst heterodoxe und prägnante Ideologiekritik. Toscanos Lesart, dargelegt im folgenden Interview und ausführlich in seiner Einleitung zu The Blood Libel, zeigt die Bedeutung Furio Jesis für gegenwärtige Diskussionen zu Antisemitismus und Rassismus. The Blood Libel ist der erste Titel in der Wirklichkeit Books Translation Series und kann hier vorbestellt werden.
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Wirklichkeit Books (WB): Wer war Furio Jesi?
Alberto Toscano (AT): Der unkategorisierbare und vielseitig begabte Furio Jesi – geboren 1941 und verstorben 1980 – ist in erster Linie als äußerst origineller Forscher auf dem Gebiet der Mythologie und der deutschen Literatur bekannt, doch damit ist seine Bandbreite bei weitem nicht vollständig erfasst. Nachdem er das Gymnasium abgebrochen hatte, um Ägyptologie, Archäologie und Altertumswissenschaften zu studieren, veröffentlichte Jesi bereits als Teenager seine ersten Bücher – über römische Legenden und ägyptische Keramik – sowie mehrere wissenschaftliche Artikel. Er war Autor sowohl eines Fantasy-Kinderbuchs als auch eines Vampirromans, außerdem Lyriker und kommunistischer Gewerkschafter. Er stand in Korrespondenz mit dem Architekturkritiker Siegfried Giedion sowie dem Mythologen Karl Kérenyi, dem Religionshistoriker Georges Dumézil ebenso wie dem Romanautor Italo Calvino.
WB: Deine Übersetzung von Furio Jesis Essay The Blood Libel (Die Ritualmordlegende) aus dem Jahr 1973 erscheint im November bei Wirklichkeit Books. In welchem politischen, kulturellen und diskursiven Kontext schrieb Jesi L’accusa del sangue?
AT: Vermutlich noch mehr als in anderen westeuropäischen Ländern waren die späten 1960er und frühen 1970er Jahre in Italien eine Zeit intensiver politischer Veränderung, Revolte, Konflikt und Repression. Das „rotes Jahrzehnt“, das waren auch „die bleiernen Jahre“, geprägt von einer „Strategie der Spannung“, in der der Tiefe Staat und rechtsextreme Akteure zu einer Situation beitrugen, die manche als schleichenden Bürgerkrieg erkannten. Es war ein Kontext, der geprägt war von kämpferischer Arbeitermilitanz in den Fabriken – mit ihrem Höhepunkt im „Heißen Herbst“ von 1969 –, einer aufkeimenden und transformativen feministischen Bewegung und einer beeindruckenden kulturellen Blüte, aber auch von der Ermordung von Anarchisten und Demonstranten durch die Polizei, von neofaschistischen Bombenanschlägen und den Anfängen einer Hinwendung zum bewaffneten Kampf durch Teile der extremen Linken. Es war auch eine Phase, in der komplexe Spannungen und Spaltungen innerhalb der italienisch-jüdischen Linken als Reaktion auf den israelisch-arabischen Krieg (oder Sechstagekrieg) von 1967 zunahmen und sich danach fortsetzten. Jesi trat, ebenso wie Franco Fortini, als früher Kritiker des Zionismus und Imperialismus hervor.
WB: In deiner eigenen Arbeit vewendest du Jesis Werk, um die gegenwärtige Kultur von Rechts – ein Begriff von Jesi – zu theoretisieren, insbesondere in Hinblick auf die Rolle des Mythos in nationalistischen und faschistischen Ideologien. Was macht Jesis Werk für dein eigenes Denken so relevant, und inwiefern dient es als Werkzeug für die Analyse unserer Gegenwart?
AT: Ich glaube, dass Jesi uns einige unverzichtbare konzeptuelle Werkzeuge an die Hand gibt, um jene Aspekte der heutigen rechten Kultur zu analysieren, die sich mythischer, religiöser oder esoterischer Sprache, Ästhetik und Attitüde bedient. Er schrieb zu einer Zeit, als Neofaschisten Figuren wie Oswald Spengler, Mircea Eliade oder Julius Evola wiederentdeckten (ein Phänomen auch unserer Gegenwart), und zeigte dabei eine tiefe, philologische Sensibilität für die Ursprünge und charakteristischen Ausdrucksformen jener Kultur, während er unnachgiebig und kämpferisch darauf aus war, die Leere, den schlechten Geschmack und die Gedankenlosigkeit hinter den zeitgenössischen Kulten des Opfers und des Heldentums, von „Blut, Ehre und Tradition“ zu entlarven. Seine Überlegungen zu „Ideen ohne Worte“ klingen mit einer erschreckenden Aktualität an, wenn wir das kitschige Spektakel des stumpfen zivilisatorischen Triumphalismus im Gerede des US-Außenministers Marco Rubio über Thymos auf der Pnyx betrachten. Jesis Analyse der religio mortis rechter Bewegungen stellt ein kritisches Prisma dar, durch das man sich den anachronistischen Feierlichkeiten tödlicher Virilität nähern kann, die unsere Gegenwart prägen.
WB: Was meint Jesi, wenn er von der „mythologischen Maschine“ spricht, und was ist die Technisierung des Mythos?
AT: Mit dem Begriff der „mythologischen Maschine“ wollte Jesi sich von einer mythischen Herangehensweise an den Mythos distanzieren und sich gegen diese wenden – einer Herangehensweise vieler Mythologen, die den Mythos als zeitlose Essenz, als Numen, als etwas sakrales oder auratischisches behandeln. Für Jesi besteht der erkenntnistheoretische und politische Imperativ darin, die Mechanismen zu untersuchen, die Mythen hervorbringen, sowie deren historische Funktionsweise, ohne sie als Träger von Mysterium, Geheimnis oder Authentizität zu behandeln. Indem er die Produktion „mythologischer Materialien“ durch das „Bild“ einer Maschine betrachtete, hoffte Jesi, die Mythologie von der gefährlichen Frömmigkeit zu befreien, die den Mythos als eine Art transhistorische Substanz behandelt, zu der wir auf esoterische Weise Zugang erlangen könnten. Stattdessen zielte er auf eine intellektuelle Praxis, die untersucht, wie man diese Maschine deaktivieren oder sogar sabotieren kann. Doch die Maschine lässt sich weder direkt erschließen noch einfach ausschalten. Jesi fordert einen geduldigen Umweg durch die materiellen und textuellen Quellen, welche „die Produktion der mythologischen Maschine umschreiben und ihr besondere Bedeutung verleihen“. Er richtet deshalb sein Augenmerk sowohl auf sozio-historische Kontexte als auch auf mythologische Paratexte, insbesondere das Verschwinden, die Fälschung und die Verbreitung von Büchern, die selbst zu Mythen werden können, wie etwa die Protokolle der Weisen von Zion. Das Ergebnis dieser akribischen Auseinandersetzung mit der historischen Materialität mythologischer Produkte besteht in diesem Fall darin, die Vorstellung einer nahtlosen Kontinuität in der Genealogie des Antisemitismus zu erschüttern und zu unterbrechen: Zwar lässt sich der Nationalsozialismus als gezieltes Bestreben verstehen, die Funktionsweise der mythologischen Maschine zu monopolisieren und auszunutzen, doch seine Instrumentalisierung der Ritualmordanklage im Sinne eines Völkermords setzt eine andere rassistische Logik in Gang als der katholische Antisemitismus, der die sogenannte Damaskus-Affäre antrieb, während wiederum die vampirische Mythologie, die die deutsche Literatur durchzieht, für die „Manipulation des Blutes“ der Nationalsozialisten kaum von Bedeutung ist.
WB: The Blood Libel besteht aus zwei Teilen: Auf The Trial against the Jews of Damascus (Der Prozess gegen die Juden von Damascus) folgt Metamorphosis of the Vampire in Germany (Die Metamorphose des Vampirs in Deutschland). In welcher Beziehung stehen diese beiden Elemente zueinander? Stellt Jesi eine Verbindung zwischen dem Fall der Ritualmordlegende in Damaskus und dem Vampir in der deutschen Literatur her?
AT: Die Verbindungen und Resonanzen sind sicherlich vorhanden, aber sie sind weder deduktiv noch direkt. Der Vorwurf des „rituellen Vampirismus“ ist eines der Elemente der christlichen und antisemitischen Ritualmordlegende. Doch wie Jesi zeigt, spielt er gegenüber der „negativen Umkehrung des Christusopfers“ und dem Thema des Kindermords eine untergeordnete Rolle. In meiner Einleitung zum Buch versuche ich darzulegen, dass die tiefere Verbindung meiner Meinung nach eher in Jesis Bemühungen liegt, die Politik und Epistemologie der Verfolgung von Andersartigkeit und Differenz zu durchdenken – mit anderen Worten, die mythologische Maschine des Rassismus aufzuzeigen und zu demontieren.
WB: Welche formalen Strategien setzt Jesi ein, um seine Ideologiekritik zu entwickeln?
AT: In The Blood Libel und an anderen Stellen arbeitet Jesi – sichtlich geprägt und inspiriert von Walter Benjamins Modell der Konstellation – mit einer von ihm so bezeichneten „Kompositionsmethode“, die darauf abzielt, in die mythologische Maschinerie nicht durch eine Form der systemischen oder strukturellen Kritik einzugreifen, sondern durch eine archivarische, philologische und zitierende Praxis, die Jesi mit musikalischer Komposition verglich. Jesi selbst wies darauf hin, dass die kritischen Erkenntnisse eher in der Architektur und Bewegung seines Denkens zu suchen seien als in irgendeinem vermittelten Inhalt oder einer These. In The Blood Libel zeigt sich diese Methode in der Montage des Archivmaterials rund um die Damaskus-Affäre von 1840, aber auch in den plötzlichen Erkenntnisblitzen, die durch Zitate aus Elias Canettis Masse und Macht oder aus den Gedanken des Marquis de Sade zu Kannibalismus hervorgerufen werden. In einer Zeit, in der selbst oppositionelle Kritik allzu oft der Logik eines intellektuellen Marktes erliegt, der auf gestraffte Erzählungen, Bullet Points und Ratgeben setzt, ist Jesis Denkstil, der politische Unnachgiebigkeit mit der Ablehnung von Stereotypen und Vereinfachungen verbindet, ein heilsames Gegenmittel. Manchmal, um Gilles Deleuzes Interpretation von Leibniz zu paraphrasieren, sind Ideen, die distinkt und dunkel sind, hilfreicher als Wahrnehmungen, die klar und verworren sind.
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Alberto Toscano ist Autor von Interregnum. Stichworte für Umbruchszeiten (2026), Communism in Philosophy (2025), Spätfaschismus (2025) und Fanaticism: On the Uses of an Idea (2010; 2. Auflage 2017) und Übersetzer von Werken von Furio Jesi, Franco Fortini, Toni Negri und Gianni Carchia.
Furio Jesi (1941–80) war Ägyptologe, Religionshistoriker, Literaturkritiker und wegweisender Denker zur Rolle des Mythos in Literatur, Politik und Kultur. Er ist Autor von i>Spartakus: Symbologie der Revolte (2000), Germania Segreta. Miti nella cultura tedesca del '900 (Geheimes Deutschland. Mythos in Deutschland im 20. Jahrhundert, 1967), Il tempo della festa (Die Zeit des Festes; 2021), sowie Kultur von Rechts (1984).
Übersetzt und eingeleitet von Alberto Toscano
Wirklichkeit Books Translation Series 1
ISBN 978-3-948200-23-7
Taschenbuch, Schutzumschlag
132 Seiten, 16€
Das Buch kann hier vorbestellt werden.
